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meö -  medical education österreich

EPAs in der Ärzteausbildung: Warum Sie schon längst damit arbeiten – ohne es zu wissen

11. Juli 2026 | Zuletzt aktualisiert am 25. Juli 2026

Stellen Sie sich vor: Sie sind Fachärztin auf einer internistischen Abteilung. Vor zwei Wochen hat ein neuer Turnusarzt in der Allgemeinmedizin-Ausbildung begonnen. Sie den ersten gemeinsamen Nachtdienst.
Was sagen Sie ihm?

Variante A: „Wenn eine Aufnahme kommt, hol´ mich gleich dazu. Wir machen es gemeinsam.“
Variante B: „Jede Aufnahme, die in der Nacht hereinkommt, machen Sie – und stellen Sie mir jeden Patienten danach vor.
Variante C: „Mache alle Aufnahmen selbst. Wenn du Probleme hast, rufe mich an. Ansonsten übergib mir morgen früh um halb sieben alle Patienten mit Verlauf.“

Für welche Variante Sie sich entscheiden, hängt davon ab, was Sie über diesen Kollegen wissen. Oder eben nicht wissen. Was sie ihm zutrauen, wie weit Sie ihm vertrauen. Das ist keine Frage des Arbeitsstils. Das ist eine Entrustment-Entscheidung. Und diese treffen Sie täglich – oft mehrmals, manchmal fast blind. Unbewusst oder bewusst.

Es ist ein „ad hoc entrustment“ – eine situative Entscheidung im klinischen Alltag: „Ich vertraue dir diese Aufgabe jetzt an.“, beschreibt es Olle ten Cate erstmals 2005 in seinem Konzept der Entrustable Professional Activities (EPA).
Diese Entrusment-Entscheidungen so objektiv wie möglich zu treffen ist Ziel des EPA-Konzepts von Olle ten Cate. Er nennt es „summative/strukturelle Anvertrauung“ – eine formale, dokumentierte Anerkennung (STAR = Statement of Awarded Responsibility)

Es geht um An-Vertrauen.

Das finden Sie in diesem Blogartikel:
1. Was ist eigentlich eine EPA?
1.1. Ein einfacher Einstieg: Die acht Komponenten kurz erläutert:
1.2. Fokus auf Komponente 7: Entrustment/Supervision-Skala
2. EPA ist nicht gleich Lernziel – das ist wichtig
3. Eine EPA auf einer Pulmologie ist nicht gleich eine EPA auf der Unfallchirurgie
4. Neu seit Juni 2026: EPAs sind jetzt auch in Österreich Gesetz – zumindest ansatzweise
5. Was das mit Ihrer täglichen Arbeit zu tun hat
6. Ein konkreter erster Schritt
7. Quintessenz

Was ist eigentlich eine EPA?

EPA steht für Entrustable Professional Activity – auf Deutsch: anvertraubare professionelle Tätigkeit.

Jede EPA folgt derselben standardisierten Struktur. Diese Struktur besteht lt. AMEE-Guide No. 140 aus acht EPA-Komponenten. Jede EPA-Komponente beantwortet genau eine Standardfrage. Die Antworten unterscheiden sich ja nach Sonderfach und Ausbildungsziel.

Stellen wir uns eine EPA als Paket vor:

Jedes EPA-Paket enthält die gleichen Komponenten: Auf dem Etikett steht der Titel der Tätigkeit in welchem Sonderfach – und für wen es gedacht ist. Denn ob jemand das Sonderfach Allgemein- und Familienmedizin absolviert oder ein chirurgisches Sonderfach, macht einen großen Unterschied. Breite statt Tiefe beim Allgemeinmediziner. Tiefe statt Breite beim Spezialisten. Das muss außen draufstehen.
Innen: sieben weitere Komponenten. Immer dieselben. Welche Anforderungen gelten, welche Risiken eine unzureichende Ausführung hat, welche Kompetenzen (Lerninhalte + Lerntiefe = Lernziele) gefragt sind, also was man vorher wissen und können muss – und welche Stufe in welcher Ausbildungsphase erreicht werden muss. Und wie dies geprüft wird und wie lange die Anvertrauung aufrecht bleibt (Manche ärztliche Tätigkeiten sind halt nicht wie fahradfahren). Was in jeder Komponente drinsteckt, ist dann je nach Fach und Tätigkeit sehr unterschiedlich.

Hier nochmal schön übersichtlich in der Tabelle dargestellt:

Wie jede Komponente befüllt wird (nach Olle ten Cate) – und warum das gar nicht so aufwendig ist, wie es klingt, das erkläre ich in einem anderen Artikel.

Ein einfacher Einstieg: Die acht Komponenten kurz erläutert:

1. Der Titel – Welche Tätigkeit soll die EPA beschreiben? Der Titel benennt die berufliche Tätigkeit — klar, eindeutig, für alle Beteiligten verständlich (Lernende, Supervisor:innen). Kurz, nicht mehrdeutig, keine Fähigkeitsbeschreibungen.
Zum Beispiel: „Aufnahmeuntersuchung auf der internistischen Abteilung durchführen.“

2. Anforderungen und Beschränkungen: Was umfasst die EPA genau — und was nicht? Wie Einschluss- und Ausschlusskriterien in klinischen Studien. Diese Komponente klärt den Umfang der Anvertrauung, damit es zu keinen Fehlinterpretationen kommt, die die Patientensicherheit gefährden könnten.

3. Risiken bei unzureichender Durchführung: Welche Folgen hat es für Patient:innen, wenn die EPA falsch oder unvollständig ausgeführt wird? Diese Komponente bringt Patientensicherheit explizit in die Anvertrauungsentscheidung ein — und unterstützt Supervisor:innen, auch schwierige Entscheidungen zu treffen.
Wann hätten Sie ein schlechtes Gefühl diesen Kollegen auf Patient:innen loszulassen?

4. Wichtigste Kompetenzbereiche: Welche Kompetenzdomänen des gültigen Rahmenwerks (z. B. CanMEDS, ACGME) sind für diese EPA besonders relevant? Nicht alle Domänen sind gleich wichtig — diese Komponente macht die Verbindung zwischen EPA und Kompetenzrahmen sichtbar und ermöglicht eine EPA-Kompetenz-Matrix.
Gut zu wissen: In der österreichischen Ärzteausbildungsordnung ÄAO2015 wird auf den CanMEDS-Kompetenzrahmen verwiesen.

5. Die wichtigste Komponente im Paket: Was sind die Voraussetzungen, damit es anvertraut werden kann? – Was muss vorhanden sein, bevor eine Anvertrauungsentscheidung vertretbar ist? Wissen (ggf. in groben Zügen), Fertigkeiten (fokussierter), Haltungen (besonders EPA-relevante, z. B. Empathie statt allgemein Altruismus) und dokumentierte Erfahrungen (Rotationen, Fallzahlen).
Hier können Teile aus dem Rasterzeugnis eingepackt werden.

6. Informationsquellen für die Anvertrauungsentscheidung: Auf welchen Beurteilungsquellen soll die summative Anvertrauungsentscheidung beruhen — und wie viele sind ausreichend? Workplace-based assessment: direkte Beobachtung (Mini-CEX, DOPS kennen Sie von den KPJ-Logbüchern), Gespräche (Fallbesprechung), Ergebnisreview (Entlassbriefe), Multisource-Feedback (Kolleg:innen, auch multiprofessionell).
Überlegen Sie: Wann haben Sie Gelegenheit sich ein Bild vom Turnusarzt zu machen?

7. Das Herzstück, wenn man so will – Welches Anvertrauungs/Supervisions-Level muss erreicht werden? Zu welchem Zeitpunkt der Ausbildung soll welches Niveau der Eigenständigkeit erreicht sein? Basis ist die 5-stufige Entrustment/Supervision-Skala. Sie ermöglicht eine individuelle, kompetenzbasierte Ausbildungsplanung.

8. Gültigkeitsdauer bei Nichtausübung: Wie lange bleibt die Anvertrauung gültig, wenn die EPA nicht mehr praktiziert wird? Fertigkeiten und Wissen können verfallen — je nach EPA unterschiedlich schnell. Gibt ein Signal für Regulierungsbehörden und Praktiker:innen, wann eine Re-Evaluierung sinnvoll ist.

Fokus auf Komponente 7: Entrustment/Supervision-Skala

Zu Komponente 7, dem Herzstück möchte ich noch auf die 5-stufige Entrustment/Supervision-Skala und -Level eingehen, denn ich habe das Original ein wenig adaptiert. Die Anvertrauungs/Supervisions-Level sind wie folgt:

Der/die Lernende …

  1. darf nur beobachten, nicht ausführen
  2. darf ausführen – unter direkter, proaktiver Supervision
  3. darf ausführen – unter indirekter, reaktiver Supervision
  4. A (original ten Caté:) darf eigenständig arbeiten – ohne Supervision
    B (adaptierte Schweizer Variante:) darf ausführen – unter entfernter Supervision
  5. darf Jüngere supervidieren

Die Schweizer haben die Ursprungsversion im Level 4 abgeändert. Ich habe das zusammengefügt, weil ich denke, dass das neu als 4A benannte Level meist von Fachärzt:innen gefordert wird, aber natürlich auch schon während der Ausbildung erreicht werden kann. Gesetzlich ist in Österreich allerdings nicht vorgesehen während der Ausbildungszeit ohne „Aufsicht“ zu arbeiten, daher ist es gut ein Level 4B zu haben. A là: er:sie kann´s eh schon total selbstständig machen, ist halt noch in Ausbildung. Und ganz ehrlich – jede.r stößt irgendwann an Grenzen und sollte sich dann Hilfe holen. Das muss im klinischen Setting immer möglich und Usus sein.

Hier also nochmal übersichtlich zusammengefasst, inklusive englischem Original-Wording bzw. meiner Übersetzung der schweizerischen Modifikation:

Die Level 1-3 bedeuten: Aufwand für die Ausbildenden.
Die Level 4-5: Gewinn – für die Abteilung, für die Patientinnen, für alle. Das ist doch schön, wenn wir das sehen!

Das Gesamtpaket ist die EPA.


EPA ist nicht gleich Lernziel – das ist wichtig

Dieser Unterschied klingt nach Haarspalterei. Ist es aber nicht.

Der Unterschied ist eigentlich konzeptuell wichtig, nicht nur terminologisch:

Ein Lernziel beschreibt, was jemand wissen oder können soll — oft granular, kognitiv, prüfbar.

Eine EPA beschreibt eine berufliche Handlung in der Realität, bei der jemand entschieden hat: „Dem traue ich das jetzt ohne direkte Aufsicht zu.“ Das Entscheidende ist das Entrustment — ein Supervisionsurteil, kein Lernnachweis.

Konkret: „Blutentnahme durchführen“ kann ein Lernziel sein. Aber die EPA ist „Patient:innen mit akutem Abdomen erstversorgen“ — das integriert dutzende Lernziele, klinisches Urteil, Kommunikation, Teamarbeit. Und ob jemand diese EPA „hat“, entscheidet nicht eine Prüfung, sondern ein erfahrener Kliniker durch Beobachtung über Zeit.

Aus Lernenden-Perspektive mag es wirklich nach Haarspalterei klingen: Für Lernende ist beides „etwas, das er:sie erreichen muss.“ Aber für die Ausbildungsstruktur und besonders für die Supervisionsplanung ist der Unterschied zentral — EPAs steuern, wann jemand was darf, nicht nur ob er es kann.

Stichwort: abnehmende Supervision bei steigender Kompetenz ist der Gewinn für Lehrende (und Lernende)

Keine Haarspalterei also — aber nachvollziehbar, warum es sich so anfühlt, wenn man auf der Lernendenseite sitzt.

Übrigens:
Kennen Sie den Begriff CBME? Competency Based Medical Education – die Idee, dass Ausbildung nicht über Zeit, sondern über Kompetenz definiert wird. Ich habe dazu bereits einen eigenen Artikel geschrieben: CBME – Competency based medical education: Wer braucht das? EPAs sind sozusagen das praktische Werkzeug der CBME. Die Idee landet in der Realität des Klinikalltags.


Eine EPA auf einer Pulmologie ist nicht gleich eine EPA auf der Unfallchirurgie

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, den man beim ersten Lesen leicht übersieht.

Eine Anamnese erheben – das ist eine ärztliche Grundkompetenz. Das macht jede Ärztin, jeder Arzt, auf jeder Abteilung. Aber was dahintersteckt, ist je nach Kontext sehr unterschiedlich.

Auf der Pulmologie: Raucheranamnese, Dyspnoe-Schweregrad, Belastbarkeit, Medikamente. Auf der Unfallchirurgie: Unfallhergang, Schmerzlokalisation, Voroperationen, Tetanusschutz.

Beide Male: Anamnese-Paket, jedoch mit zum Teil unterschiedlichen Inhalten.

Und genau das ist der Witz an EPAs: Sie werden für eine spezifische Tätigkeit in einem spezifischen Sonderfach definiert. Die EPA „Nachtdienstfähigkeit“ auf einer gynäkologischen Abteilung bedeutet für Turnusärzt:innen in der Allgemeinmedizin etwas anderes als für Ärzt:innen in der Sonderfachausbildung Gynäkologie und Geburtshilfe. Das wird explizit gemacht – und genau darin liegt der Wert.


Neu seit Juni 2026: EPAs sind jetzt auch in Österreich Gesetz – zumindest ansatzweise

Mit der 5. Novelle der Ärzteausbildungsordnung (ÄAO 2015), die mit 1. Juni 2026 in Kraft getreten ist, gibt es für das neue Sonderfach Allgemein- und Familienmedizin (das die bisherige Ausbildung zum Allgemeinmediziner ablöst) erstmals EPAs im Anhang der ÄAO.

Wie ist der Stand? Mulder et al. (2010) beschreiben drei Schritte für ein EPA-basiertes Curriculum:

  1. Auswahl der EPAs,
  2. Beschreibung der EPAs,
  3. Planung von Ausbildung und Prüfungen.

Österreich ist gerade bei Schritt 1: Die EPAs für das Sonderfach Allgemein- und Familienmedizin sind ausgewählt, immerhin für alle Sonderfächer, die durchlaufen werden müssen (Pflichtfächer) oder können (Wahlfächer). Pakete existieren und sind beschriftet- aber sie sind noch nicht komplett befüllt.

Sie gut zu befüllen, das ist ehrlich gesagt der spannende Teil. Und eine große Chance – für alle, die jetzt mitgestalten wollen, wie das in der Praxis aussieht.

EPAs sind damit kein rein akademisches Konzept mehr, das man in Medical-Education-Kongressen vorstellt. Sie sind Teil des österreichischen Ausbildungsrechts – und stehen gleichzeitig noch am Anfang ihrer Umsetzung in der postgradualen Ärztlichen Ausbildung.

Kleiner Hinweis: Einige Österreichische Universitäten arbeiten bereits damit. Wussten Sie das? Ist v.a. interessant, wenn Sie in einem Lehrspital tätig sind.


Was das mit Ihrer täglichen Arbeit zu tun hat

Zurück zum Anfang. Zu Variante A, B und C im Nachtdienst.

Diese Entscheidung – wie viel Verantwortung übergebe ich wem, unter welchen Bedingungen – treffen Sie täglich. Wenn ein neuer Turnusarzt auf die Abteilung kommt. Wenn Sie einer jungen Kollegin zum ersten Mal eine Aufnahme alleine machen lassen. Wenn Sie entscheiden, ob Sie bei der nächsten Punktion daneben stehen oder nur auf Abruf erreichbar sind.

Das sind alles Entrustment-Entscheidungen.

Und natürlich sind diese Entscheidungen subjektiv. Ich vertraue Dr. X diese Tätigkeit zu – meine Kollegin noch nicht. Weil wir unterschiedliche Erfahrungen mit ihm gemacht haben, weil wir ihn zu unterschiedlichen Zeitpunkten erlebt haben, weil wir vielleicht unterschiedliche Maßstäbe anlegen.

EPAs machen diesen Prozess strukturierter. Nicht einfacher – aber transparenter. Für Sie als Ausbilder:in. Und vor allem für die jungen Kolleg:innen, die wissen wollen, wo sie stehen und was von ihnen erwartet wird.


Ein konkreter erster Schritt

Wenn Sie jetzt anfangen wollen: Nehmen Sie sich fünf Minuten.

Denken Sie an eine Tätigkeit, die Turnusärzt:innen auf Ihrer Abteilung regelmäßig machen. Zum Beispiel: Patientenaufnahme. Und fragen Sie sich: Was braucht jemand – wirklich – damit ich ihm das zutraue?

Schreiben Sie es auf. Nicht perfekt. Nicht vollständig. Einfach einmal aufschreiben.

Das ist der Einstieg in eine EPA. Und wahrscheinlich werden Sie dabei feststellen, dass Sie vieles davon ohnehin schon wissen – und auch schon so ausbilden. Sie haben es nur nie so genannt.

Wie geht es Ihnen mit dem Gedanken, Entrustment-Entscheidungen bewusster zu treffen?


Quintessenz

EPAs sind kein neues Konzept, das man erst lernen muss. Sie beschreiben etwas, das jede ausbildende Ärztin, jeder ausbildende Arzt ohnehin täglich tut: entscheiden, wem man was zutraut – und warum.

Der Unterschied: EPAs machen diesen Prozess objektiv: sichtbar, strukturiert und für alle nachvollziehbar. Das ist gut für die Ausbildungsqualität. Und gut für die Patientensicherheit.


Sie möchten EPAs in Ihrer Abteilung einführen oder einfach mal wissen, wie das konkret geht? Im Rahmen des Tutorenkurses im Wiener Gesundheitsverbund arbeiten wir genau daran – von der Theorie in die Alltagstauglichkeit. Melden Sie sich an, ich freue mich auf Sie!

Das Beitragsbild ist mit ChatGPT erstellt. Der Artikel in Co-work mit Claude konzipiert.


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