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meö -  medical education österreich

EPAs in der Ärzteausbildung: Warum Sie schon längst damit arbeiten – ohne es zu wissen

11. Juli 2026

Stellen Sie sich vor: Sie sind Fachärztin auf einer internistischen Abteilung. Vor zwei Wochen hat ein neuer Turnusarzt in der Allgemeinmedizin-Ausbildung begonnen. Sie haben vielleicht einmal kurz miteinander gearbeitet – oder auch nicht. Jetzt haben Sie den ersten gemeinsamen Nachtdienst.

Was sagen Sie ihm?

Variante A: „Jede Aufnahme, die in der Nacht hereinkommt, machen Sie – und stellen Sie mir jeden Patienten danach vor.

Variante B: „Machen Sie alle Aufnahmen selbst. Wenn Sie Probleme haben, rufen Sie mich. Ansonsten übergeben Sie mir morgen früh um halb sieben alle Patienten mit Verlauf.“

Für welche Variante Sie sich entscheiden, hängt davon ab, was Sie über diesen Kollegen wissen. Oder eben nicht wissen. Das ist keine Frage des Arbeitsstils. Das ist eine Entrustment-Entscheidung. Und diese treffen Sie täglich – oft mehrmals, manchmal fast blind. Unbewusst oder bewusst.

Genau darum geht es bei EPAs. An-Vertrauen.

Das finden Sie in diesem Blogartikel:
1. Was ist eigentlich eine EPA?
2. EPA ist nicht gleich Lernziel – das ist wichtig
3. Eine EPA auf einer Pulmologie ist nicht gleich eine EPA auf der Unfallchirurgie
4. Wie erstellt man eine EPA? Ein erster Einstieg
5. Neu seit Juni 2026: EPAs sind jetzt auch in Österreich Gesetz – zumindest ansatzweise
6. Was das mit Ihrer täglichen Arbeit zu tun hat
7. Ein konkreter erster Schritt
8. Quintessenz

Was ist eigentlich eine EPA?

EPA steht für Entrustable Professional Activity – auf Deutsch: anvertraubare professionelle Tätigkeit.

Das klingt ein wenig sperrig, meinen Sie? Die gute Nachricht: Dahinter steckt eine sehr einfache Idee.

Stellen Sie sich eine EPA als Paket vor: außen beschriftet und innen ein definiertes Bündel aus allem, was jemand braucht, um eine konkrete ärztliche Aufgabe gut zu erfüllen:

  • Wissen (Was muss ich wissen, um eine Anamnese auf einer pulmologischen Abteilung zu erheben?)
  • Fertigkeiten (Welche praktischen Skills brauche ich dafür?)
  • Haltung (Wie stehe ich dem Menschen gegenüber?)
  • Kommunikation (Wie erkläre ich dem Patienten, was ich tue?)

Das Konzept stammt von Olle ten Cate, einem niederländischen Medizindidaktiker, der sich ab 2005 gefragt hat: Wie können wir das, was Ärzt:innen ohnehin täglich tun, sinnvoll beschreiben – und darauf aufbauend auch ausbilden und bewerten?

Seine Antwort: Nicht über abstrakte Lernziele, sondern über konkrete Tätigkeiten.


EPA ist nicht gleich Lernziel – das ist wichtig

Dieser Unterschied klingt nach Haarspalterei. Ist er aber nicht.

Ein Lernziel beschreibt, was Lernende nach einer Lernerfahrung wissen oder können sollen – zum Beispiel: „Der Turnusarzt kennt die Leitsymptome einer Lungenembolie“ oder „Der Turnusarzt kann eine einfache Wundversorgung durchführen.“ Lernziele definieren auch die Lerntiefe: Genügt es, etwas zu kennen, oder muss jemand es erklären, anwenden, beurteilen können?

Und hier wird es noch zusätzlich interessant: Die Lerntiefe ist nicht für alle gleich. Ein Turnusarzt in der Allgemeinmedizin-Ausbildung, der drei Monate auf einer pulmologischen Abteilung verbringt, braucht andere Lerntiefen als ein Kollege in der Sonderfachausbildung Pulmologie – auch wenn beide dieselbe Abteilung, dieselben Patientinnen und denselben Stationsalltag erleben. Das Lernziel heißt vielleicht gleich, aber das dahinterliegende Niveau ist ein anderes.

Das ist bei der EPA genauso – und sie geht noch einen Schritt weiter:

Eine EPA sagt: „Der Turnusarzt kann eine Aufnahmeuntersuchung auf dieser Abteilung selbstständig durchführen – mit allen dafür nötigen Kompetenzen, auf dem für seinen Ausbildungsabschnitt erwarteten Niveau.“

Beim Lernziel prüfe ich Wissen. Bei der EPA prüfe ich, ob jemand dieses Wissen auch anwenden kann – in einer echten klinischen Situation, mit echten Patienten, unter realen Bedingungen. Also genau das, was Arztsein ausmacht. Und dann entscheide ich, wie weit dieser jemand das selbstständig machen darf.

Stichwort: abnehmende Supervision bei steigender Kompetenz.

Kennen Sie den Begriff CBME? Competency Based Medical Education – die Idee, dass Ausbildung nicht über Zeit, sondern über Kompetenz definiert wird. Ich habe dazu bereits einen eigenen Artikel geschrieben: CBME – Competency based medical education: Wer braucht das? EPAs sind sozusagen das praktische Werkzeug von CBME. Die Idee landet in der Realität des Klinikalltags.


Eine EPA auf einer Pulmologie ist nicht gleich eine EPA auf der Unfallchirurgie

Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, den man beim ersten Lesen leicht übersieht.

Eine Anamnese erheben – das ist eine ärztliche Grundkompetenz. Das macht jede Ärztin, jeder Arzt, auf jeder Abteilung. Aber was dahintersteckt, ist je nach Kontext sehr unterschiedlich.

Auf der Pulmologie: Raucheranamnese, Dyspnoe-Schweregrad, Belastbarkeit, Medikamente. Auf der Unfallchirurgie: Unfallhergang, Schmerzlokalisation, Voroperationen, Tetanusschutz.

Beide Male: Anamnese-Paket, jedoch mit zum Teil unterschiedlichen Inhalten.

Und genau das ist der Witz an EPAs: Sie werden für eine spezifische Tätigkeit an einer spezifischen Abteilung definiert. Die EPA „Nachtdienstfähigkeit“ auf einer gynäkologischen Abteilung bedeutet für Turnusärzt:innen in der Allgemeinmedizin etwas anderes als für Ärzt:innen in der Sonderfachausbildung Gynäkologie und Geburtshilfe. Das wird explizit gemacht – und genau darin liegt der Wert.


Wie erstellt man eine EPA? Ein erster Einstieg

Sie brauchen dafür weder ein Delphi-Verfahren noch eine Bewertungskonferenz. (Die amerikanischen Modelle sind – mit Verlaub – für den österreichischen klinischen Alltag abschreckend komplex. Das muss nicht sein.)

Stellen wir uns eine EPA als Paket vor:

Jedes EPA-Paket sieht von außen gleich aus. Das Etikett drauf ist unterschiedlich: Auf dem Etikett steht das Sonderfach, der Titel der Tätigkeit – und für wen es gedacht ist. Denn ob jemand das Sonderfach Allgemein- und Familienmedizin absolviert oder ein chirurgisches Sonderfach, macht einen großen Unterschied. Breite statt Tiefe beim Allgemeinmediziner. Tiefe statt Breite beim Spezialisten. Das muss außen draufstehen.
Innen: fünf Bausteine. Immer dieselben. Welche Anforderungen gelten, welche Kompetenzen gefragt sind, was man vorher wissen und können muss – und welche Stufe in welcher Ausbildungsphase erreicht werden muss. Und wie dies geprüft wird. Was in jedem Baustein drinsteckt, ist dann je nach Fach und Tätigkeit sehr unterschiedlich.

Wie jeder Baustein befüllt wird – und warum das gar nicht so aufwendig ist, wie es klingt: Das erkläre ich im nächsten Artikel.

Ein einfacher Einstieg:

1. Welche Tätigkeit soll die EPA beschreiben? Zum Beispiel: „Aufnahmeuntersuchung auf der internistischen Abteilung durchführen.“

2. Was steckt in diesem Paket? Was muss jemand wissen, können, wie muss er/sie eingestellt sein, wie kommunizieren – um das gut zu tun?

3. Welche Kompetenz muss erreicht werden? Nach Ten Cate, Peters, Chen et al. (AMEE Guide No 99, Med Teach 2015) gibt es fünf Stufen. Der/die Lernende …

  • Stufe 1: hat Vorwissen, darf beobachten
  • Stufe 2: darf unter vollständiger Aufsicht eines Arztes ausführen
  • Stufe 3: darf unter abgeschwächter Aufsicht eines Arztes ausführen
  • Stufe 4: darf eigenständig ausführen
  • Stufe 5: darf andere anleiten und beaufsichtigen

Die Stufen 1-3 bedeuten: Aufwand für die Ausbildenden. Die Stufen 4-5: Gewinn – für die Abteilung, für die Patientinnen, für alle. Das ist doch schön, wenn wir das sehen!

4. Was erwarte ich auf welcher Stufe – und wann? Das ist die entscheidende Frage. Und die ehrliche Antwort: Das hängt von der Abteilung und dem Ausbildungsabschnitt ab. Sie haben hier sicher mit jahrelanger Erfahrung eine Antwort. EPAs machen es explizit.

Klingt aufwendig? Ist es nicht – wenn man klein anfängt. Nehmen Sie eine einzige Tätigkeit. Fragen Sie sich: Was braucht jemand dafür wirklich? Schreiben Sie es auf.

Das ist eine EPA.


Neu seit Juni 2026: EPAs sind jetzt auch in Österreich Gesetz – zumindest ansatzweise

Mit der 5. Novelle der Ärzteausbildungsordnung (ÄAO 2015), die mit 1. Juni 2026 in Kraft getreten ist, gibt es für das neue Sonderfach Allgemein- und Familienmedizin (das die bisherige Ausbildung zum Allgemeinmediziner ablöst) erstmals EPAs im Anhang der ÄAO.

Wie ist der Stand? Mulder et al. (2010) beschreiben drei Schritte für ein EPA-basiertes Curriculum: Auswahl der EPAs, Beschreibung der EPAs, Planung von Ausbildung und Prüfungen. Österreich ist gerade bei Schritt 1: Die EPAs für das Sonderfach Allgemein- und Familienmedizin sind ausgewählt, immerhin für alle Sonderfächer, die durchlaufen werden müssen (Pflichtfächer) oder können (Wahlfächer). Das Paket existiert – aber es ist noch nicht befüllt. Die genaue Beschreibung, was in jeder EPA drinsteckt, und wie die Kompetenzstufen konkret bewertet werden sollen, fehlt noch.

Das ist ehrlich gesagt der spannende Teil. Und eine große Chance – für alle, die jetzt mitgestalten wollen, wie das in der Praxis aussieht.

EPAs sind damit kein rein akademisches Konzept mehr, das man in Medical-Education-Kongressen vorstellt. Sie sind Teil des österreichischen Ausbildungsrechts – und stehen gleichzeitig noch am Anfang ihrer Umsetzung in der postgradualen Ärztlichen Ausbildung.

Kleiner Hinweis: Einige Universitäten arbeiten bereits damit. Wussten Sie das? Ist v.a. interessant, wenn Sie in einem Lehrspital tätig sind.


Was das mit Ihrer täglichen Arbeit zu tun hat

Zurück zum Anfang. Zu Variante A und Variante B im Nachtdienst.

Diese Entscheidung – wie viel Verantwortung übergebe ich wem, unter welchen Bedingungen – treffen Sie täglich. Wenn ein neuer Turnusarzt auf die Abteilung kommt. Wenn Sie einer jungen Kollegin zum ersten Mal eine Aufnahme alleine machen lassen. Wenn Sie entscheiden, ob Sie bei der nächsten Punktion danebenstehen oder nur auf Abruf erreichbar sind.

Das sind alles Entrustment-Entscheidungen.

Und natürlich sind diese Entscheidungen subjektiv. Ich vertraue Herrn X diese Tätigkeit zu – meine Kollegin noch nicht. Weil wir unterschiedliche Erfahrungen mit ihm gemacht haben, weil wir ihn zu unterschiedlichen Zeitpunkten erlebt haben, weil wir vielleicht unterschiedliche Maßstäbe anlegen.

EPAs machen diesen Prozess strukturierter. Nicht einfacher – aber transparenter. Für Sie als Ausbilder:in. Und vor allem für die jungen Kolleg:innen, die wissen wollen, wo sie stehen und was von ihnen erwartet wird.


Ein konkreter erster Schritt

Wenn Sie jetzt anfangen wollen: Nehmen Sie sich fünf Minuten.

Denken Sie an eine Tätigkeit, die Turnusärzt:innen auf Ihrer Abteilung regelmäßig machen. Zum Beispiel: Patientenaufnahme. Und fragen Sie sich: Was braucht jemand – wirklich – um das gut zu können?

Schreiben Sie es auf. Nicht perfekt. Nicht vollständig. Einfach einmal.

Das ist der Einstieg in eine EPA. Und wahrscheinlich werden Sie dabei feststellen, dass Sie vieles davon ohnehin schon wissen – und auch schon so ausbilden. Sie haben es nur nie so genannt.

Wie geht es Ihnen mit dem Gedanken, Entrustment-Entscheidungen bewusster zu treffen?


Quintessenz

EPAs sind kein neues Konzept, das man erst lernen muss. Sie beschreiben etwas, das jede ausbildende Ärztin, jeder ausbildende Arzt ohnehin täglich tut: entscheiden, wem man was zutraut – und warum.

Der Unterschied: EPAs machen diesen Prozess sichtbar, strukturiert und für alle nachvollziehbar. Das ist gut für die Ausbildungsqualität. Und gut für die Patientensicherheit.


Sie möchten EPAs in Ihrer Abteilung einführen oder einfach mal wissen, wie das konkret geht? Im Rahmen des Tutorenkurses im Wiener Gesundheitsverbund arbeiten wir genau daran – von der Theorie in die Alltagstauglichkeit. Melden Sie sich an, ich freue mich auf Sie!

Das Beitragsbild ist mit ChatGPT erstellt. Der Artikel in Co-work mit Claude konzipiert.


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